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Vertraue der inneren Stimme!
Vielen Besuchern der Staatsoper wird Marlis Petersen seit ihrem Wien-Debüt im Jahre 2002 noch als grandiose Lulu in Alban Bergs gleichnamiger Oper und als ebenso grandiose Sophie in Strauss’ Rosenkavalier in Erinnerung sein – nun kehrt die deutsche Sopranistin, die auch an wesentlichen internationalen Opernbühnen, wie der New Yorker Met, in Paris, München, bei den Salzburger Festspielen große Erfolge feiern konnte, ans Haus am Ring zurück: und das mit der Titelpartie der Uraufführungsoper Medea. Anlässlich dieser bevorstehenden Weltpremiere gab sie Andreas Láng das folgende Interview. |
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pro:log: Frau Petersen, Sie singen neben Partien der gängigen Opernliteratur nicht nur Barockmusik, sondern regelmäßig auch viel Zeitgenössisches. Wie kam es zu dieser Bandbreite?
Marlis Petersen: Vieles ergibt sich natürlich auf Grund von Anfragen. Ich hatte allerdings das Glück, am Beginn meiner Laufbahn, an den Städtischen Bühnen Nürnberg, wo ich mein erstes Festengagement erhielt, im dortigen GMD Eberhard Kloke auf einen Dirigenten zu treffen, dem zeitgenössische Werke besonders wichtig waren. Dadurch hat sich mein Repertoire ganz automatisch auch in diese Richtung hin entwickelt. Es kommt allerdings noch hinzu, dass mir meine pianistische Ausbildung beim Erlernen neuer Musik eine große Hilfe ist, da ich mich selbst begleiten kann und deshalb recht rasch mit dem Einstudieren einer Partie fertig bin. Das scheint sich herumgesprochen zu haben, wodurch sich die entsprechenden Anfragen vermehrten. Von all dem abgesehen, ist meiner Meinung nach, aber ein stilistisch breit gefächertes Rollenspektrum grundsätzlich sehr heilsam, da es die Flexibilität der Stimme und des Menschen erhält.
p: Aribert Reimann hat bei der Komposition der Medea an Ihre Stimme gedacht, ist das korrekt?
MP: Richtig, er hat mich des Öfteren singen gehört und wollte etwas für mich schreiben – aus diesem Grund sind wir auch während der Entstehung der Oper in regelmäßigem Kontakt geblieben. Und auch später, als die Arbeit an der Partitur schon abgeschlossen und ich am Einstudieren war, besuchte ich ihn in Berlin, um einige essentielle Fragen abzuklären, die mir beim Lesen des Klavierauszuges
gekommen sind. Dazu muss ich sagen, dass die Medea von all den Uraufführungen, die ich
schon gemacht habe, die größte Herausforderung darstellt.
p: Inwiefern?
MP: Zum einen, was die rhythmische Struktur betrifft: Ständiger Taktwechsel, eine gehäufte Verwendung von Quintolen, Sextolen, Triolen, wobei man zusätzlich selten auf den Schlag zu singen hat. Ich bin froh, Michael Boder am Pult zu wissen, mit dem ich schon oft zusammengearbeitet habe und daher seine
Schlagtechnik gut kenne. Eine weitere Herausforderung stellt die Länge der Partie dar: Die Medea hat sicher eine gute Stunde reine Singzeit – und das ist sehr viel, auch im Vergleich mit Hauptrollen des 18. und 19. Jahrhunderts. Aber wenn man alles beherrscht, hat man große Freude mit dem Ganzen. Sehr schön finde ich, wie sehr die Musik wichtige Aspekte der Figur, der Situation wiedergibt. Wenn etwa
Medea versucht, sich dem Lebensstil der Griechen anzupassen um Jason zurückzugewinnen,
wenn sie also Kreusa gleichen möchte, hört man das auch – denn Reimann übernimmt deren Gesangstil und Rhythmik für Medea. Wenn Medea andererseits in tiefste seelische Not stürzt, kommt es ja zu richtigen Ausbrüchen, die in regelrechten Koloraturfolgen ihren Ausdruck finden – oft ohne jede Begleitung.
Da ist die Stimme so allein, wie Medea als Person verlassen ist.
p: Worin besteht bei so einem Werk, bei dem viele Parameter festgesetzt sind, die eigene Interpretation?
Bleibt überhaupt Raum für intuitive Gestaltung?
MP: Die Besonderheit einer Stimme, eines Timbres, der persönliche Zugang, die individuelle Art, die ein Sänger hat färbt automatisch auf die Gestaltung ab. Dadurch wird ein und dieselbe Rolle, dasselbe Werk trotz der Beibehaltung aller Parameter bei jedem Interpreten anders gestaltet sein. Ich persönlich bin beispielweise von der Anlage her primär ein Kopfmensch, glaube aber, dass gerade eine Musik, die so sehr strukturell bestimmt ist, viel „Bauch“, also viel Intuition braucht – was ich in die szenische Arbeit mit hineinbringen möchte.
p: Medea versucht sich zwar dem Lebensstil der Griechen anzupassen, scheitert aber umso mehr. Bedeutet dies, dass man die eigenen Wurzeln nicht kappen darf?
MP: Das wäre zu frei interpretiert. Medeas innere Stimme warnt sie schon im ersten Stück der Grillparzerschen Trilogie, dem Gastfreund, dass es mit Jason nicht gut gehen kann. Und je weiter die Handlung fortschreitet, desto mehr bewahrheitet sich dieses intuitive Signal. Wenn ich also ein Fazit ziehen möchte, so hieße dieses: Vertraue deiner inneren Stimme!
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